Österreichischer Staatspreis für Europäische Literatur 2026 für portugiesische Schriftstellerin Lídia Jorge
Am 27. Juli 2026 wurde der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur 2026 an die portugiesische Autorin Lídia Jorge verliehen. Die Auszeichnung fand im Rahmen eines feierlichen Festakts in Salzburg statt. Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler überreichte der Autorin im feierlichen Rahmen den mit 25.000 Euro dotierten Preis.
Lídia Jorge prägt die portugiesische Gegenwartsliteratur seit Jahrzehnten maßgeblich. Ihr in zahlreiche Sprachen übersetztes vielseitiges Werk - darunter Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Essays, Gedichte und Kinderbücher – finden auch international große Beachtung. Lídia Jorge setzt sich in ihren Büchern vor allem mit den prägenden politischen und gesellschaftlichen Erfahrungen Portugals auseinander.
Der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur wird seit 1965 für das literarische Gesamtwerk einer europäischen Autorin bzw. eines europäischen Autors verliehen, das international besondere Beachtung gefunden hat, was durch Übersetzungen dokumentiert sein muss. Das Werk muss auch in deutschsprachiger Übersetzung vorliegen.
Vizekanzler und Bundesminister für Kunst und Kultur Andreas Babler:
"Ob es um die Aufarbeitung des Kolonialismus geht, um die Nelkenrevolution oder um das Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne, Lídia Jorge erweist sich stets als Chronistin des Wandels, indem sie in den erlebten Geschichten aufzeigt, was an Veränderung möglich ist – und welche Zukunftsperspektiven sich auftun.
Lídia Jorge hat ihr Portugal auf der Landkarte der Weltliteratur eingeschrieben und den widerständigen Frauen Portugals einen Platz im Gedächtnis der Leserinnen und Leser gesichert. Ich gratuliere ihr sehr herzlich zum Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2026."
Laudator Dr. Thomas Macho in seiner von Andrea Zederbauer vorgelesenen Rede:
"Mit ihrem vielstimmigen und historisch wachen Werk hat Lídia Jorge der portugiesischen Gegenwartsliteratur eine unverwechselbare Stimme von großer literarischer, gesellschaftlicher und europaweit wirksamer Bedeutung gegeben."
Lídia Jorge zählt seit vielen Jahren zu den bedeutendsten Stimmen der portugiesischen Literatur. In den bald fünfzig Jahren ihrer schriftstellerischen Tätigkeit hat sie nicht nur dreizehn Romane verfasst, sondern auch einige Kinderbücher, Erzählungen, Theaterstücke, Gedichte und Essays, die ins Spanische, Französische, Englische und Deutsche übersetzt wurden.
Die Kritik am europäischen Kolonialismus gehört zu den Grundthemen der Literatur von Lídia Jorge, ebenso wie die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit und Armut, mit der Diskriminierung von Frauen, mit Rassismus oder mit der portugiesischen Nelkenrevolution von 1974.
Als "Zeugin der Zeiten und der Räume" widmet sie sich häufig dem Bericht, der Wiedergabe des Gesprochenen und Erzählten, dem Bekenntnis, mitunter auch in einer Art von Polyphonie, mit kurzen Sätzen, Zitaten von Gedichten und Wörtern aus dem Spanischen, Französischen, Englischen oder Italienischen.
Die Autorin warnt allerdings davor, ihre Romane als Parabeln zu lesen. Vielmehr führt sie die Leser:innen mit ihren Texten "in jene Bereiche der tiefen Verunsicherung, wo nichts erhaben oder symbolisch ist, aber alles von Bedeutung, wie ein Seufzer, eine Erkältung oder ein Bad im Meer".
Jury:
- Cristina Beretta
- Thomas Keul
- Thomas Macho
- Marlene Streeruwitz
- Andrea Zederbauer
Lídia Jorge, geboren 1946 in Boliqueime im Süden Portugals, studierte französische Literatur in Lissabon und verbrachte während der Unabhängigkeitskämpfe einige Jahre in Angola und Mosambik. Sie lebt heute in Lissabon.
Mit ihren ersten beiden Romanen gehörte sie zur Avantgarde der zeitgenössischen portugiesischen Literatur und hat seitdem zahlreiche renommierte Auszeichnungen für ihr Werk erhalten.
2021 nahm Lídia Jorge eine Professur an der Universität Genf an.
2022 wurde an der University of Massachusetts Amherst der Lídia-Jorge-Lehrstuhl eingerichtet.
In deutscher Übersetzung erschienen (Auswahl):
- Die Stunde der Nelken, Secession 2026.
Aus dem Portugiesischen von Marianne Gareis - Erbarmen, Secession 2024.
Aus dem Portugiesischen von Steven Uhly - Milene, Suhrkamp 2005.
Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner - Die Küste des Raunens, Suhrkamp 1995.
Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner, verfilmt 2004 von Margarida Cardoso (dt. Titel: Es war einmal in Afrika). - Der Tag der Wunder, Suhrkamp 1992.
Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann - Nachricht von der anderen Seite der Straße, Suhrkamp 1992.
Aus dem Portugiesischen von Karin von Schweder-Schreiner
"Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Freunde der Gegenwartsliteratur, werte Festgäste,
ich möchte Sie zu unserer Matinee sehr herzlich begrüßen und ich freue mich, dass heute so viele Künstlerinnen und Künstler, Autorinnen und Autoren und Verlegerinnen und Verleger zur Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Europäische Literatur gekommen sind. Besonders begrüßen möchte ich unsere Preisträgerin Lídia Jorge.
Liebe Lídia Jorge, ich freue mich, dass Sie einige Tage bei uns verbringen werden. Seien Sie nochmals herzlich willkommen in Salzburg.
Ich freue mich auch, dass zumindest eine der Übersetzer:innen von Lídia Jorges Romanen heute hier ist. Denn ohne Übersetzer:innen wären die Bücher unserer Preisträgerin für die meisten von uns nicht lesbar. Und so möchte ich auch sie herzlich willkommen heißen.
Begrüßen möchte ich auch Renate Linortner, die sich zur musikalischen Umrahmung der heutigen Preisverleihung bereiterklärt hat.
Und dann darf ich Thomas Macho willkommen heißen. Der renommierte österreichische Kulturwissenschaftler und Philosoph war Mitglied der Jury für den Staatspreis und wird heute die Laudatio auf Lídia Jorge halten.
Ebenso begrüße ich alle Jurymitglieder, die heute mit uns diesen feierlichen Anlass begehen.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
wir erleben heute nach dem ersten Viertel des 21. Jahrhunderts ein mehr und mehr fragmentiertes Europa. Auf der einen Seite beobachten wir die Rückkehr des repressiven Nationalstaats, der jene Einheit von Staat, Volk, Sprache und Ethnie predigt, die Europa schon einmal ins Verderben geführt hat. Aber unser Kontinent bietet auch eine andere Geschichte, nämlich die der Zusammenarbeit, des Kompromisses und der Gemeinsamkeit.
Dieses humanistisches Europa hatten auch jene Kulturpolitiker im Sinn, die im Jahr 1965 den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur gestiftet haben.
Von Anfang an war es die Absicht des Preises, hervorragende europäische Autorinnen und Autoren auszuzeichnen, deren Werke auf dem ganzen Kontinent gelesen und geschätzt werden.
Denn in der Literatur gibt es dank der Kunst der literarischen Übersetzung, dank mutiger Verlage und der Neugierde der Leser:innenschaft keine nationalen Grenzen.
In diesem anderen Europa, im Europa der Literatur ist man sich unserer Geschichte bewusst und weiß, dass Vergangenes nicht einfach vergeht, sondern auf vielfache Weise fortwirkt und wiederkehrt, als seelisches Trauma oder als wahnwitzige Ideologie.
Die europäischen Literatinnen und Literaten bieten uns aber keine politischen Lösungen und stellen keine Rezepte aus. Sie verfügen über andere Wahrheiten, ein anderes Wissen. Dazu gehört die Erkenntnis, dass alles Große im Kleinen, dass das Kontinentale mit dem Regionalen beginnt.
Man kann keine europäische Schriftstellerin sein, ohne zunächst eine österreichische, polnische, niederländische oder portugiesische Schriftstellerin zu sein.
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
Lídia Jorge nimmt uns in ihren Romanen auf dieser Reise vom Kleinen ins Große mit. Sie erzählt in ihren umfangreichen Büchern eine Vielzahl kleiner Geschichten, die kunstvoll zu wunderbaren Romanen verflochten werden und uns Leserinnen und Leser vom ersten Satz an in eine zuweilen fremd wirkende Welt ziehen, die aber nach wenigen Seiten bereits vertraut ist.
Dort leben wir gemeinsam mit den Figuren der Romane, die so wirklich, lebendig und leibhaftig erscheinen, dass man sich kaum wundern würde, ihnen auf der Straße – vielmehr auf der anderen Seite der Straße – zu begegnen.
Ob es um die Aufarbeitung des Kolonialismus geht, um die Nelkenrevolution oder um das Aufeinanderprallen von Tradition und Moderne, Lídia Jorge erweist sich stets als Chronistin des Wandels, indem sie in den erlebten Geschichten aufzeigt, was an Veränderung möglich ist – und welche Zukunftsperspektiven sich auftun.
Immer wieder aufs Neue sind es die starken Frauen, die dem Lauf der Welt ihren individuellen, oft stillen Widerstand entgegensetzen, die sich ihrer Menschlichkeit bewusst sind und nach Selbstbestimmtheit und Freiheit streben.
Mit freundlicher Ironie, bitterem Humor und erstaunlicher erzählerischer Fantasie, aber auch mit viel Einfühlungsvermögen und literarischer Raffinesse gestaltet Lídia Jorge in ihren großen Romanen Geschichten und Bilder, die Bestand haben.
Lídia Jorge hat ihr Portugal auf der Landkarte der Weltliteratur eingeschrieben und den widerständigen Frauen Portugals einen Platz im Gedächtnis der Leserinnen und Leser gesichert.
Die großen Werke der zeitgenössischen Literatur entspringen alle einem Bemühen, das Fernando Pessoa in dem Satz zusammengefasst hat: Die Literatur, wie letztlich jede Form von Kunst, ist das Eingeständnis, dass das Leben allein nicht ausreicht.
Meine sehr geehrten Damen und Herren:
Lesen Sie Lídia Jorge!"
Mit großer Freude habe ich die Nachricht erhalten, dass mir der Österreichische Staatspreis für Europäische Literatur verliehen wurde.
Wie immer bei großen Neuigkeiten, konnte ich es zunächst kaum glauben. Aber mein Geist ist unbeständig. Sofort zeichnete der Brief, den ich auf dem Bildschirm las, vor meinen Augen die Landkarte Europas im 20. Jahrhundert, und sie verwandelte sich in jenes Buch eines österreichischen Autors aus dem Jahr 1906, das andeutete, wie die Zukunft aussehen könnte, indem es die Parabel des Internats benutzt, wo der junge Törleß die grundlegende Erfahrung willkürlicher Macht erlebt und erkennt, dass die Welt ein unvollendeter Ort ist.
Dieses Buch, das ich so oft gelesen habe und aus dem ich Passagen auswendig kenne, winkte mir vertraut im Namen von Robert Musil zu, seinem Autor, und in diesem plötzlichen, vielschichtigen Bild verdichtete sich der Respekt, den ich den
österreichischen Schrifstellern entgegenbringe, die Teil meines Lebens sind. Es war, als würden sie zu mir sagen:
»Wir, die wir aus nächster Nähe wissen, was hier geschehen ist, nehmen dich in
diesem Land auf, obwohl du von weither kommst. Wir alle, jeder mit seiner Furcht im Rücken und unterschiedlichen Blumen auf der Brust, sind Europäer.«
Doch wankelmütig wie ich bin, gesellte sich bald ein anderes, weitaus ansehnlicheres Bild zu diesen dichten Erinnerungen. Es war die Stimme der Königin der Nacht mit ihren höchsten Trillern. Einen Augenblick lang führte ich ein Zwiegespräch mit ihr und versuchte, mit meiner Freude ihren hoheitlichen Zorn zu besänftigen. Und ich dachte an die Musik, die aus Mozarts Händen geströmt war und sich über die ganze Welt ausgebreitet hatte, Anmut, Schönheit und Frieden
heraufbeschwörend. Mit solch einer Flut von Bildern nahm ich die Bekanntgabe dieses Preises entgegen. Danke.
Aber es gibt noch einen weiteren Grund, ihn zu feiern. Trotz der Nelkenrevolution von 1974 – einer Befreiungsbewegung, die die Fantasie Europas beflügelte und den Skeptikern zeigte, dass es keinen historischen Determinismus gibt und dass der Wille der Bevölkerung stärker sein kann als die List der Diktatoren –, trotz dieses wegweisenden Ereignisses hieß es auch Ende der 70er Jahre noch, die portugiesischen Schriftsteller trügen nichts zur literarischen Vorstellungswelt Europas bei. Das war ungerecht.
Europa wollte uns einfach nicht wahrnehmen.
Doch die achtziger Jahre sollten diese konservative Sichtweise, die uns aus der
globalen Erzählung ausschloss, verändern. Denn sobald das Werk von Fernando Pessoa und seinen Masken entdeckt war, sollte es sich der Welt als unübertreffliche poetische Galaxie präsenentieren, die jeden, der sich ihr nähert, immer wieder überrascht.
Autoren wie Sophia de Mello Breyner und allen voran José Saramago wurden Teil des europäischen Kanons. Und die Autoren meiner Generation, die die Diktatur erlebt und den Zerfall des Imperiums verfolgt, wenn nicht sogar aktiv betrieben haben, hielten Botschaften bereit über ein neues Zusammenleben, das die Bewohner Afrikas und anderer Regionen der Welt in den Beziehungen zwischen Nord und Süd einforderten. Ich gehöre zu dieser Gruppe von Schriftstellern. Dieser Preis gilt auch ihnen. Dennoch ist es berechtigt zu fragen: Welchen Platz nehmen wir in Europa ein?
Europa spricht viele Sprachen. Sprachen der Berge und Sprachen der Ebenen, Sprachen der Wälder und Sprachen der Seen, Sprachen des Schnees und des Eises. Und Sprachen des Meeres.
Portugiesisch ist eine Sprache des Meeres. Der portugiesische SchriSsteller Vergílio Ferreira fand dafür ein klares Bild, das zur ontologischen Inschrift unseres Seefahrervolkes wurde:
»Von meiner Sprache aus sieht man das Meer.«
So ist es: Unsere Geschichte ist geprägt von Seefahrten über alle Meere, und die
portugiesische Diaspora ist das Ergebnis einer Auswanderung, die sich rund um die Erde vollzog. Wir sind geprägt von diesem Konzept der Weite im Gegensatz zur Begrenztheit unseres Festlandgebiets. Ein Paradoxon, das tief in uns verwurzelt ist.
Ich spürte diesen Widerspruch schon als Kind, als der Begriff »Paradoxon« noch weit davon entfernt war, Teil meines spärlichen Wortschatzes zu sein. Denn im Klassenzimmer wurde die Landkarte ausgebreitet, um zu zeigen, wie groß wir in der
Welt waren, wie reich und mächYg – so sehr, dass die Sonne niemals über den Ländern unterging, in denen man Portugiesisch sprach. Mehrere europäische Länder zusammen hätten die Größe der portugiesischen Besitzungen in Afrika und Asien nicht aufwiegen können. Uns Kinder erfüllte das mit Stolz, doch unter
den kleinen schiefen Holztischen waren die meisten von uns barfuß.
Ich erinnere mich, dass meine Klassenkameraden im Winter mit vor Kälte violetten Zehen ins Klassenzimmer kamen und kaum laufen konnten. Eines Tages fragte ich meine Mutter, ob ich die Schuhe meiner Tante Alice, die inzwischen erwachsen
war, einem Mädchen namens Zuzete geben dürfte, das so alt wie ich, aber viel kräftiger gebaut war. Meine Mutter gab mir die Schuhe und sagte: »So sehr du dich auch bemühst, du wirst niemals allen Schuhe anziehen können.« Und so ist es auch.
Vielleicht liebe ich Bücher so sehr, weil ich beim Schreiben die Illusion habe, dass es auf den leeren Seiten möglich ist, alle Menschen mit Schuhen zu versorgen.
In Afrika begegnete ich Jahre später ebenfalls vielen barfüßigen Menschen. Doch in Angola und Mosambik war nicht die Kälte das Problem, sondern die Hitze. Meine afrikanischen Schüler kamen aus dem Schilfviertel und trugen ihre Schuhe auf dem Rücken, um sie nicht schmutzig zu machen. Wenn sie sich der asphaltierten Straße näherten, zogen sie sie an, damit kein Teer an ihren Fußsohlen kleben blieb. Ich erinnere mich gut daran. Ihre Aufsätze wiesen viele Rechtschreibfehler auf, doch die Geschichten, die sie aus ihrem Leben erzählten, waren Überlebensfabeln, die eines dritten Buches von Homer würdig gewesen wären.
Einmal fehlte ein Junge mehrere Tage lang im Unterricht. Als er zurückkam, erzählte er, er sei in seiner Heimat gewesen, doch die portugiesischen Soldaten hätten das Dorf angegriffen und alle Mitglieder seiner Familie verschwinden lassen. Damals in Afrika war ich keine Lehrerin, im Stillen war ich eine Spionin. Ich spionierte, um später Bücher zu schreiben, obwohl ich noch nicht ahnte, dass ich das tun würde.
Ich sammelte nur einen Blick nach dem anderen, ohne zu wissen, was ich mit dem Angehäuften anfangen sollte. Auf diese Weise lernte ich die Gewalt kriegerischer Macht kennen, die sich immer irgendwann in einen unaufhaltsamen Rausch verwandelt, und erfuhr, wie es ist, wenn sich die Männer darauf vorbereiten, zu
töten, und tot zurückkehren.
Ich war damals noch sehr jung, als ich ein für alle Male lernte, dass in jedem Augenblick Krieg ausbrechen kann, und auch, dass es in jedem Augenblick möglich
ist, ihn zu verhindern.
Zu dieser Zeit ereignete sich ein einschneidendes Ereignis, das Jahre später zu einem Buch führen sollte. In Afrika wohnte ich in einer Offiziersmesse, und einmal verbrachten wir einen späten Nachmittag im Grand Hotel da Beira.
Die Offiziere und ihre Frauen hielten sich in der Lobby auf, wo Cocktails serviert wurden. Doch dies sollte kein gewöhnlicher Abend werden, denn in der Zwischenzeit war ein gigantischer Heuschreckenschwarm über die Stadt hergefallen. Eine Plage dieser Größenordnung bedeutete zwar nichts Gutes, doch draußen bot sich ein atemberaubendes Schauspiel – die Heuschreckenwolken waren so dicht, dass sich um die Lampen der Straßenlaternen grüne Lichtkreise gebildet haben, und die Einheimischen haben Lagerfeuer entzündet, auf denen sie die Heuschrecken rösteten, die sie fangen konnten. Fröhlich tanzend aßen sie sie im Kreis um die Flammen. Ein Offizier rief seine zu Tisch sitzenden Kameraden
herbei: »Kommt und seht euch an, wie die Wilden grüne Heuschrecken fressen! Kommt, kommt!«
Und die Soldaten standen mit vollen Händen auf, denn sie aßen gerade rote Garnelen, und gingen zum Fenster, um über die Wilden zu lachen. Sie lachten und merkten nicht, dass die verzehrten Tiere, Garnelen und Heuschrecken, in etwa dieselbe Form und Größe hatten. Jemand musste ihnen sagen, dass entweder alle von uns Wilde waren oder niemand. Wir waren uns so nah und glichen uns so sehr, und hielten uns doch für fern und unterschiedlich. Warum?
Nicht lange danach begab ich mich hochschwanger ins städtische Krankenhaus. Im Hospital Macuti gab es einen Raum für Europäerinnen und eine große Station für Afrikanerinnen.
Draußen hatte ein Tropensturm mit Regen und Blitzen eingesetzt, eine regelrechte Sinnlut, und es wurde Nacht. Irgendwann schlief die Oberschwester auf dem Flur ein. Als sie aufwachte, war es zu spät; es blieb keine Zeit mehr, mich in das vorgesehene Zimmer zu bringen. In aller Eile schoben sie mich in den Saal der Afrikanerinnen. So brachten wir unsere Kinder Seite an Seite zur Welt, alle zusammen. Als der Himmel sich lichtete, wurden die Neugeborenen nacheinander auf die Brust ihrer Mütter gelegt.
Wir waren junge Frauen, Gefährtinnen, Töchter der Erde, Zwillingsschwestern derselben Schöpfung. Nachdem der Sturm mit seinen Blitzen abgezogen war, vermischten sich im Halbdunkel des Krankenzimmers die Schreie unserer Kinder und klangen gleich. Dort drinnen hatte sich Frieden auf uns gesenkt.
Währenddessen setzten die Männer im Busch den blutigen Kampf um den Besitz der Kolonie fort. Als ich nach Europa zurückkehrte, war ich mir sicher, dass der Weg in die Zukunft Hand in Hand beschritten werden musste – oder gar nicht.
Und obwohl sich aus meinem Land die Bevölkerung in der jüngeren Vergangenheit in alle Welt verstreute und an den entlegensten Orten das Brot aß, das der Teufel backt, schreibt man sich heute auf die Fahnen, es sei notwendig, diejenigen zu
vertreiben, die von weither kommen, damit es uns gut gehe. Und man spielt mit dem Gedanken, Strauolonien für Einwanderer zu errichten.
Vor mehr als einem Jahrhundert wurden diese Themen bereits in Büchern wie »Die Verwirrungen des Zöglings Törleß«, das ich eingangs erwähnt habe, und noch davor in »Herz der Finsternis« von Joseph Conrad vorweggenommen.
Ich komme auf diese beiden Bücher zurück, weil ihre Autoren erkannten, wie sich die Welt um Unanständigkeit herum organisieren könnte – und es auch getan hat. Was nur bedeutet, dass die Literatur eine warnende Kraft besitzt, die ernst genommen werden muss. Auch unsere heutigen Bücher vermitteln uns durch die Geschichten, die wir zu erzählen haben, Vorahnungen und wenden sich gegen
die grausame Unvollkommenheit der Welt.
Warum erinnere ich an persönliche Ereignisse, die sich vor fünf Jahrzehnten oder noch länger in Afrika zugetragen haben? Als die Welt noch so anders war? Weil sie nicht vor fünf Jahrzehnten oder noch länger stattfanden, sondern heute überall und zu jeder Zeit geschehen. Die Umstände sind zwar anders, doch das wesentlich Menschliche spielt sich immer auf dieselbe Weise ab.
Wir sind bereits im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts, und derzeit wird von einem Moment auf den anderen eine ballistische Rakete auf ein Stadtviertel abgefeuert, Gebäudebrennen und stürzen ein, und die Bewohner, die sich retten
können, haben wieder alles verloren und stehen völlig mittellos da.
Die Staaten streiten untereinander, bombardieren abwechselnd Gebiete in einem Cyber-Spiel, als würden sie mit Feuerwerk herumspaßen, und wieder kommen Kinder unter freiem Himmel zur Welt, ohne eine Schüssel mit heißem Wasser in der Nähe.
Ein Konflikt bricht aus, und die Regale leeren sich, die Menschen hungern erneut, trinken faules Wasser und essen schädliches Kraut. Die technologische Kultur hat Flexibilität und Schnelligkeit gebracht, aber bisher weder mehr Gerechtigkeit,
noch mehr Sicherheit, noch mehr Frieden, noch mehr Demokratie. KI verspricht eine Revolution, die auf dem Weg ist, aber bisher geht sie nicht mit der Bereitschaft einher, die Menschenwürde zu schützen.
An die Stelle der Kolonialkriege, die im Laufe des 20. Jahrhunderts zum Zusammenbruch alter Imperien wie des belgischen oder des portugiesischen führten, treten nun verhängnisvolle imperiale Kriege.
Die Zivilisation hat die Art und Weise verändert, wie Gewalt ausgeübt wird, aber sie hat das Wesen des Menschen nicht verändert. Deshalb ist Literatur wertvoll.
Sie hört nicht auf, die menschliche Erfahrung zu schildern und so der Robotisierung des Handelns entgegenzuwirken.
Sie hört nicht auf, den Schmerz zu beschreiben und damit der Abstumpfung gegenüber Gewalt entgegenzuwirken. Die Literatur hört nicht auf, Mythen zu schaffen, um die Vorstellung zu nähren, dass jenseits der Materie eine Metaphysik existieren könnte. In diesem surrealen Kampf, der auf uns zukommt, wird die Rolle Europas von Bedeutung sein.
Ich küsse den Boden Europas wegen der Sünden der Vergangenheit, in der Hoffnung, dass die Erinnerung daran es uns ermöglicht, den Frieden und die Vision der Schönheit zu bewahren. Deshalb fühle ich mich geehrt, wenn man mir sagt,
dass meine Bücher Erzählungen enthalten, die in ihrem bescheidenen Rahmen unseren Traum von der Entwicklung einer Würde für die Kinder unserer Zeitgenossen unterstützen.
Vielen Dank!
Lídia Jorge
Casa das Courelinhas, 14. Juli 2026